Heinar Kipphardt: In der Sache J. Robert Oppenheimer


An diesem Kreuzweg empfinden wir Physiker,
daß wir niemals so viel Bedeutung hatten
und daß wir niemals so ohnmächtig waren.


Als J. Robert Oppenheimer im April 1954 vor den Sicherheitsauschuß der Atomenergiekomission der Vereinigten Staaten tritt, handelt es sich nicht um ein Gerichtsverfahren. Es soll lediglich darüber entschieden werden, ob ihm, dem ehemaligen Direktor des Atomwaffenlaboratoriums in Los Alamo, im Volksmund "Vater der Atombombe" genannt, und höchstem Regierunsberater in Atomfragen die Sicherheitsgarantie weiterhin erteilt werden könne. Doch es geht um weit mehr. Es geht um die Freiheit der Wissenschaft oder ihrer Loyalität gegenüber der Staatsraison. Es geht darum, ob sich ein Wissenschaftler eine eigene Meinung zu den Auswirkungen seiner Forschungen leisten darf, ob er seinem Gewissen verpflichtet ist oder ein bloßer Auftragserfüller militärischer Interessen.

Oppenheimer, dem als unbestrittenes "Verdienst" der Bau der ersten Atombombe während des ersten Weltkrieges als Leiter eine Gruppe anderer bedeutender Wissenschaftler, unter denen sich Bohr, Fermi, Teller, Bethe, Rabi, später auch Fuchs befanden, angerechnet wurde, wird nun zweierlei vorgeworfen: Verbindungen zu Kommunisten und kommunistenfreundlichen Personen (Oppenheimer selbst war bis in die 30er Jahre hinein ein Sympathisant des Kommunismus gewesen, und viele seine Freunde, Schüler, seine Frau und sein Bruder waren dem linken Spektrum zuzuordnen) sowie seine Opposition und "fehlende Begeisterung" gegenüber dem Wasserstoffbombenprogramm, die dieses um Jahre hinausgezögert hätten. Da Oppenheimers Persönlichkeit und wissenschaftliche Verdienste auch nach der Auffassung der Ankläger über alle Zweifel erhaben sind, wird ihm eine neuartige Form des Verrats unterstellt, die sich in den Gesetzesbüchern nicht wiederfindet: der Gedankenverrat, "der aus den tiefen Schichten seiner Persönlichkeit kommt un die Handlungen eines Mannes gegen dessen Willen unaufrichtig macht."

Tatsächlich hatte Oppenheimer einige linke Freunde (unter anderem Haakon Chevalier und seinen Bruder), die im amerikanischen Atomwaffenprogramm arbeiteten gegen erste Auswüchse der Anti-Kommunisten-Hysterie des kalten Krieges der Nachkriegsjahre zu schützen versucht. Und tatsächlich stand er wie viele seiner Kollegen, die am Bau der Atombombe mitgearbeitet hatten und dann den Abwurf über Hiroshima und Nagasaki miterleben mußten, so Bethe und Rabi, die in Oppenheimers Prozeß als Entlastungszeugen aussagen, dem Bau der Wasserstoffbombe skeptisch gegenüber. Unter den Physikern setzte sich damals die Meinung durch, man solle eine gegenseitige Verzichtserklärung auf diese noch gigantischere Tötungsmaschine erreichen statt das von der amerikanischen Regierung nach dem Test der ersten russischen Atombombe fieberhaft vorangetriebene Wasserstoffbombenmonopol.

Edward Teller, ein ehemaliger Mitarbeiter am Atomprogramm von Los Alamos, und jetzt der "Vater der Wasserstoffbombe" ist einer der Hauptbelastungszeugen Oppenheimers. Er vertritt die Ansicht, man dürfe nicht auf halbem Weg in der Forschung stehenbleiben sondern müsse diese konsequent vorantreiben, gerade um die Menschen dazu zu zwingen, sich mit ihren Ergebnissen auseinanderzusetzen. Und letztlich sei es nicht die Verantwortung der Wissenschaftler, wie deren Erkenntnisse angewendet würden.

Oppenheimer selbst widerspricht dieser Ansicht in seinem Schlußwort: und dabei nimmt er den Anklagepunkt des "Gedankenverrats" noch einmal auf: vielleicht habe er wirklich Gedankenverrat begangen, dann aber im Sinne, daß er und seine Kollegen den Geist der Wissenschaft verraten hätten, als sie ihre Forschungsarbeiten den Militärs überließen ohne an die Folgen zu denken. Er gibt die Erklärung ab, daß er unabhängig vom Ausgang des Verfahrens nie wieder an Kriegsprojekten mitarbeiten wird. "Wir haben die Arbeit des Teufels getan, und wir kehren nun zu unseren wirklichen Aufgaben zurück."

Oppenheimer wird mit zwei zu eins Stimmen die Sicherheitsgarantie verweigert. Im Sicherheitsausschuß selbst stehen sich wie im vorherigen Prozeß die Fronten gegenüber: während der ehemalige Heeresminister Gray und Morgan, der Generaldirektor einer Atomausrüstungsfirma, sich gegen Oppenheimer aussprechen, erhält er Unterstützung von Evans, einem Professor der Chemie, der sich dabei in der Gesellschaft der überwiegenden Mehrheit der wissenschaftlichen Welt, unter ihnen Kernphysiker wie Bush, Fermi, Bethe, Rabi, von Neumann, Conant, wiederfindet, die rückhaltlos für Oppenheimes Ingerität und Loyalität eintraten.

Natürlich ist ein Stück über noch lebende Personen immer heikel. Oppenheimer selbst hat sich mehrfach gegen Kipphardts Theaterstück verwahrt. Die Verhandlung gegen ihn sei eine Farce gewesen, Kipphardt versuche aus ihr eine Tragödie zu machen. Und anders als Michael Frays in "Kopenhagen" spielt Kipphardt nicht mit den verschiedenen Möglichkeiten historischer Wahrheiten sondern postuliert durch die Darstellung als Gerichtsverfahren eine tatsächlich stattgefundene Realität. Dabei bezieht er selbst in der Schlußrede Oppenheimers klare Stellung. Eine solche Rede hat Oppenheimer nie gehalten, und er legt Wert auf die Feststellung, er habe niemals sein Bedauern darüber zum Ausdruck gebracht, an der Herstellung der Atombombe beteiligt gewesen zu sein (ob das nun für oder gegen ihn spricht, steht auf einem anderen Blatt).

So stellt sich schließlich die Frage, ob das Verfahren gegen Oppenheimer sich überhaupt eignet, die allgemeine Problematik von Schuld und Verantwortung der Wissenschaft zu erörtern. Denn alles in allem bleibt Oppenheimer selbst in all seinen Aussagen während des Hearings in einer einem modernen Europäer befremdlichen Art und Weise der Loyalität gegenüber der USA verhaftet. Viel eher sind es seine Entlastungszeugen, die diese Loyalität an der ein oder anderen Stelle in Frage stellen. Es ist tatsächlich eher ein Stück über die McCarthy-Ära, die Herrschaft der sich selbst zu moralischen Integrität erhebenden geistigen Mittelmäßigkeit der Kleinbürger, die bis auf Edward Tellers Ausführungen in allen Belastungszeugen und den Mitarbeitern der Atomenergiekomission zum Ausdruck kommen, die jede geistige und moralische Größe nie begreifen können, und sie aus Angst am liebsten auf dem Scheiterhaufen der Geschichte vebrennen möchten.

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